Der Überlinger Stollen im Internet

Fluchtversuche

Durch die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die KZ-Häftlinge im Stollen arbeiteten, war der Gedanke an eine Flucht immer gegenwärtig. Trotz strengster Bewachung wurden immer wieder Fluchtversuche unternommen. Von einem russischen Häftling wird berichtet, dass er nach einem gescheiterten Fluchtversuch zur Abschreckung- d.h. unter Anwesenheit der Mithäftlinge - von Hunden zu Tode gebissen wurde. Lediglich zwei Häftlingen, dem Österreicher Adam Puntschart und dem Ukrainer Wassiliy Sklarenko gelang in der Nacht vom 21. auf den 22. März 1945 die Flucht in die Schweiz.

Auf ihrer Flucht nahmen sie zu niemandem Kontakt auf. Sie mieden Straßen aus Furcht, entdeckt zu werden. Sie schliefen im Wald und ernährten sich von vertrockneten Äpfeln, die vom letzten Herbst noch unter den Bäumen lagen. Da sie keine Karte von der Gegend besaßen, mussten sie sich an den Sternen und Bäumen orientieren, die an der Nordseite einen verstärkten Moosbewuchs aufweisen. Nach fünf Tagen und Nächten erreichten sie schließlich völlig erschöpft und ausgehungert die Schweizer Grenze bei Schaffhausen. Man gab ihnen zu essen und zu trinken und versorgte sie mit neuer Kleidung. Puntschart musste in ein Spital eingeliefert werden, um seine Lungenentzündung auszukurieren. Sklarenko kam in ein Durchgangslager, in das drei Wochen später auch Puntschart eingewiesen wurde.
Nach drei weiteren Tagen trennten sich ihre Wege.

Puntschart legte nach Kriegsende erst noch einen Aufenthalt bei Überlingern ein, die ihm geholfen habenWorterklärung. Sklarenko ließ sich von den auch in der Schweiz auftauchenden sowjetischen Repatriierungsoffizieren nicht zur Rückkehr in die Ukraine überreden, sondern suchte auf eigene Faust eine Einheit der Roten Armee in der sowjetischen Besatzungszone auf, wo er noch zwei Jahre Militärdienst absolvierte und so nicht als befreiter Häftling, nicht als "Displaced Person", nicht als Kollaborateur in seine ukrainische Heimat zurückkehrte, sondern als Reservist der Roten Armee.

Adam PuntschartWorterklärung kehrte Ende 1945 in seine Heimatstadt Graz zurück, wo er 1988 im Alter von 77 Jahren verstarb. Wassiliy SklarenkoWorterklärung lebte seit 1947 bis zu seinem Tod im Jahre 2003 in einem ukrainischen Dorf bei Kiew.