Der Überlinger Stollen im Internet

Rundgang im Stollen

Bombenangriff auf den Stollen?

Im Buch „Überlingen“, das 1970 zum 1200-jährigen Jubiläum erschien, ist auf S. 56 zu lesen:

„Das Blutopfer, das die Stadt für Hitlers Krieg bringen musste, war erheblich größer als im ersten großen Krieg. Als ein im Sandsteinfelsen bei Goldbach gebautes Rüstungswerk einen alliierten Luftangriff auf den Westen der Stadt lenkte, kamen 20 Menschen um. (…) Die Nazis hinterließen einen hässlichen Fleck in Überlingen, als sie kurz vor Kriegsende bei Aufkirch eine kleine Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau errichteten.“

Mit solchen Ansätzen sollte Überlingen nach dem Krieg als eine Art ideologiefreie Insel im Nazimeer dargestellt werden, die lediglich durch das KZ als „hässlicher Fleck“ besudelt wurde.

Erst nach dem Krieg hatte sich die Legende entwickelt, dass der KZ-Stollen , dessen Eingang vom Angriff betroffen war, das eigentliche Ziel des Angriffs gewesen sei.

Doch bereits die im Rathaus geführte tagesaktuelle Kriegschronik vermerkte, dass der Luftangriff am 22.2.1945 dem Westbahnhof, der heutigen Haltestelle „Therme“ , galt.

Im Kriegsprotokoll aus dem Überlinger Stadtarchiv heißt es:

„22. Februar 1945. In den Mittagsstunden des heutigen Tages, 13:45 Uhr, wurde der westliche Teil der Stadt Überlingen von 7 Feindflugzeugen angegriffen.
Nach den Feststellungen galt der Angriff dem Westbahnhof, der mit samt seinen Anlagen auch getroffen wurde.

Die Feindflugzeuge kreisten erst zwischen Stockach und Überlingen und flogen dann den Bahnhof in nordöstlicher Richtung an. Es wurden 38 Sprengbomben und 10 Langzeitzünder gezählt.

An Wohngebäuden wurden 6 total zerstört, 10 schwer beschädigt, 7 mittelschwer beschädigt und 38 leicht beschädigt. Etwa 100 Obdachlose mussten hier untergebracht werden.

Dem Angriff fielen zum Opfer:
  • 5 am Westbahnhof wohnende Personen.
  • 4 beim Stollenbau im Westen beschäftigte Personen und 11 Ausländer der versch. Arbeitsgemeinschaften.“

Auch im Einsatzbericht der Amerikaner ist keine Rede von einem Bombenabwurf auf den Stollen. Hätte das 320. Bombengeschwader vom KZ-Stollen gewusst, wäre dies sicherlich auch im Luftbild des Einsatzes vermerkt worden.

Hinzu kommt, dass am gleichen Tag im Rahmen der „Operation Clarion“ Einsätze gegen die Bahnanlagen in Singen, Engen und anderen Orten durch die amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte geflogen wurden.

( siehe auch SÜDKURIER vom 22.2.2010 S. 19)

Aus Ludwigshafen/Bodensee wird berichtet:
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs war Ludwigshafen am 22. Februar 1945 im Rahmen der alliierten Operation Clarion, eines gemeinsamen Unternehmens der US-amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte, Ziel eines Luftangriffes. Ziel des US-amerikanischen 320. Bombergeschwaders mit sechs Mittelstreckenbombern war der Rangierbahnhof von Ludwigshafen. Die Bomber warfen innerhalb von 70 Sekunden 48 Bomben ab, davon sechs mit einem chemischen Langzeitzünder. Bereits am 24. Juli 1944 fand ein Tieffliegerangriff auf mehrere Schiffe aus Konstanz statt, die im Hafen und in der Bucht von Ludwigshafen vermeintlich sicher stillgelegt worden sind. Eines sank im Hafen und zwei wurden vor Anker schwer beschädigt.

Aus Pfullendorf (ca. 20 km nördlich von Überlingen) wird berichtet:
Am 23. Februar 1945 kamen plötzlich ohne Alarm angekündigt vier feindliche Tiefflieger und warfen Sprengkörper auf die Bahnlinie ab; es war morgens um 9.10 Uhr. Zugleich beschossen sie die Stadt mit Maschinengewehren. Die Bauernhalle am Bahnhof brannte ab. Sie war mit Frucht (etwa 200 bis 300 Zentner) angefüllt. Zum Glück forderte dieser Tieffliegerangriff keine Menschenopfer.

Aus Stockach (ca. 20 km westlich von Überlingen) wird berichtet:a/
Stockach wird am 22. und 25. Februar 1945, im Rahmen der alliierten Operation Clarion, eines gemeinsamen Unternehmens der US-amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte, Ziel von zwei Luftangriffen. Bomber warfen an beiden Tagen über Stockach Sprengbomben ab, 24 Tote waren zu verzeichnen. Ziel der Angriffe waren das Bahnhofsareal und die Maschinenfabrik Fahr, in der Gussteile für Panzer produziert wurden.

Aus der weiteren Umgebung wird berichtet:
Am 22. Februar 1945 hatte eine Staffel von sieben amerikanischen Jagdbombern im Rahmen der alliierten Operation Clarion die wichtigsten Bahnhöfe entlang der Linie Singen-Mengen-Ulm im Visier, sie wollten diese mit gezielten Angriffen ausschalten und die Bahnstrecke durchgehend unbrauchbar machen. Angriffsziele waren auch Singen, Stockach und Mengen. In Meßkirch nahmen Jagdbomber das Bahnhofsgelände und einen Güterzug sowie eine Rangierlok unter Beschuss. Die beiden Lokomotiven wurden regelrecht gelöchert, ebenso der damals noch neben dem Stationsgebäude stehende Wasserturm.

Nach dem Angriff hatten Sprengbomben das gesamte Bahnhofsgelände und die Gleisanlagen regelrecht durchpflügt, Fragmente der Bahngleise standen aufrecht wie Gartenzäune, ein Bombentrichter reihte sich an den anderen. Schuttberge türmten sich auf den Straßen, überall lagen beschädigte Fahrzeuge und Fuhrwerke, Tierkadaver, Verletzte und Tote. Den Güterbahnhof hatte es von der Wucht der Detonationen umgeworfen. Die Eisenbahn- wie die Bahnhofstraßenbrücke über den damals noch offenen Grabenbach waren zerstört, einen Volltreffer hatte auch das Stationsgebäude der Bahn abbekommen und das gegenüber liegende Wohngebäude der Bahnbediensteten war zur Hälfte dem Erdboden gleichgemacht. In jenem Haus hatte es auch die meisten Toten gegeben. In der Nacht brachten die Zeitzünder der Sprengbomben weitere Detonationen.